Gotthilf Kübler

 

Gotthilf Kübler (1905 bis 1940)

"geb. am 7. Februar 1905 als Sohn des Taglöhners Adam Kübler (1869 bis 1943) und dessen Ehefrau Rosine Pauline geb. Belz (1870 bis 1944) in der Etzwiesenstraße 1.

Nach der Schule war er als Gerbereiarbeiter tätig und wohnte bei seinen Eltern – zuletzt in der Eduard-Breuninger-Straße 19. Am 12. Dezember 1929 kam er auf Kosten der Kreisfürsorge in die Heilanstalt Winnental. Laut der dort gestellten Diagnose litt er an Schizophrenie." (Trefz).

 

(Das renovierte Wohnhaus Eduard- Breuninger- Straße 19)

Laut Krankenakte der Anstalt Winnental wurde er schon am 21.4.1928 auf "Ansuchen d. Angehörigen" nach Winnental gebracht. In einem handschriftlichen Zusatz zur Akte wird ihm "Imbecillität" attestiert, alo eine deutliche Intelligenzminderung mit Lernbehinderung (Stangl) Laut handschriftlichem Zusatz in seiner Krankenakte wird davon ausgegangen, dass seine Krankheit "angeboren" war. In der modernen Forschung wird heute darauf verwiesen, dass Intelligenztests für Menschen mit geistiger Behinderung nur bedingt anwendbar sind und die Individualität einer Person nicht abbilden können (s. wikipedia).

Nach Ansicht der Nichte von Gotthilf Kübler, Heiderose Bauch, können auch die sehr beengten Wohnverhältnisse und die schwierigen Lebensverhältnisse einer Tagelöhnerfamilie kurz vor der Weltwirtschaftskrise zu Spannungen in der Familie geführt haben, sodass sie Hilfe bei einer staatlichen Einrichtung suchten(Telefoninterview).  Von einem Aufenthalt in einem staatlichen Heim versprach sich eine Familie damals sicher Hilfe und  Unterstützung  sowie eine gute Pflege für ihre Angehörigen. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden jedoch schon ab 1933 verbrecherische Ziele mit Menschen mit Behinderungen verfolgt. Die NS Konzepte mündeten in den ersten Massenmord, der Aktion T4. Aufgrund dieses staatlichen Tötungsprogramms wurden alleine in Grafeneck innerhalb des Jahres 1940 mehr als 10 000 Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen oder solche, denen man diese Krankheit zuschrieb, umgebracht. Das war mehr als die Hälfte der Heimbewohner im Südwesten. Von der NS Vernichtungspolitik hatte die Familie höchstwahrscheinlich keine Kenntnis. Denn die Familie hielt ständig Kontakt zu Gotthilf Kübler. Während seiner zwölf Jahre dauernden Zeit in der Anstalt Winnental erhielt er regelmäßig Besuch von seinen Familienangehörigen. Sein Todesurteil : in einem Meldebogen der Anstalt Winnental - gezeichnet von Dr. Gutekunst - wurde er nicht nur als schizophren eingestuft sondern als "arbeitsunfähig". Nach Ansicht der Nationalsozialisten mußten solche Menschen wie Gotthilf Kübler getötet werden, weil sie keinen Wert mehr für die Gesellschaft hatten.

Am 3. Juni 1940 wurde Gotthilf Kübler, der laut Krankenakte nur noch ein Körpergewicht von 34 Kilo hatte, von Winnental nach Grafeneck deportiert und am selben Tag dort ermordet. In seiner Krankenakte ist dazu handschriftlich vermerkt: "Austritt: 3.6.1940",..."verlegt". Das Wort "verlegt" ist der Codename, der bei der geplanten Massentötung von Menschen mit psychischer oder physischer Behinderung benutzt wurde, um die Deportation und Ermordung anzuzeigen und zu dokumentieren.Bei diesem ersten Massenmord  wurden alleine in der Tötungsfabrik Grafeneck auf der Schwäbischen Alb 10 654 Menschen vergast.

 

 

Quellen

Bernhard Trefz:" Ungeheilt in eine andere Anstalt verlegt..."- Das tragische Schicksal der Backnanger "Euthanasie" Opfer, in: Backnanger Jahrbuch 2011,hrsg. von Gerhard Fritz und Bernhard Trefz, S 154 - 171, hier: S. 160

Staatsarchiv Ludwigsburg:F 235III, Bü 462 

http://de.wikipedia.org/wiki/Geistige_Behinderung, Zugriff: 19.3.13, 19.04h

Telefoninterview Bernd Hecktor mit Heiderose Bauch, 20.3.2013, 12.50 -13.10h

Text: Bernd Hecktor

Fotos: privat

 

 

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